Drei Zustände einer IT-Landschaft, und nur einer bekommt Aufmerksamkeit
Wenn eine Geschäftsführung über ihre IT spricht, spricht sie meistens über das, was gerade ausgefallen ist. Das ist verständlich. Ein Ausfall hat einen Absender, eine Uhrzeit und einen Preis. Was läuft, hat nichts davon.
Ich unterscheide drei Zustände, in denen sich ein Teil einer IT-Landschaft befinden kann. Der erste ist stabil und erklärbar: Es läuft, jemand kann sagen, warum, es gibt eine benannte Vertretung, der Wartungsvertrag passt zur heutigen Nutzung. Das ist der Zustand, den man sich für alles wünscht, und er braucht zu Recht wenig Aufmerksamkeit. Der zweite Zustand sieht von außen genauso aus, ist aber ein anderer: Es läuft, weil Umwege, einzelne Personen oder ein Vertrag, den seit Jahren niemand angesehen hat, es halten. Der dritte ist der sichtbare Ausfall: Eskalationen, verletzte Servicezusagen, Beschwerden aus den Fachbereichen.
Aufmerksamkeit und Budget gehen fast immer in den dritten Zustand. Der zweite bekommt wenig, weil er sich im Berichtswesen nicht vom ersten unterscheidet. Manches daraus wird irgendwann zum Ausfall, zu einem Zeitpunkt, den niemand gewählt hat. Anderes läuft jahrelang weiter. Was beide Fälle unterscheidet, ist, ob die Organisation die Abhängigkeit kennt und sich dafür entschieden hat, sie zu tragen.
Aufmerksamkeit folgt dem sichtbaren Ausfall. Ein Teil des Risikos sitzt in dem, was gerade noch läuft.
Woran man den zweiten Zustand erkennt
Ein vereinfachtes Beispiel: eine Fachanwendung, die seit Jahren keine Störung hatte und in keinem Statusbericht auftaucht. Gepflegt wird sie von einer Person, deren Vertretung niemand benennen kann. Der Wartungsvertrag verlängert sich automatisch, und niemand hat geprüft, ob Reaktionszeiten und Leistungsumfang noch zu dem passen, was die Anwendung heute trägt. In der Projektliste steht sie nicht, weil nichts an ihr geplant ist. Nach den üblichen Kennzahlen gehört sie zu den gesündesten Teilen der IT.
Die Kennzahlen täuschen dabei nicht. Sie messen Ausfälle, und dieser Teil fällt nicht aus. Was fehlt, ist eine zweite Sicht: was ihn am Laufen hält, und ob die Organisation sich darauf verlassen kann.
Was eine Geschäftsführung tun kann
Sie kann eine zweite Frage neben die übliche stellen. Die übliche lautet: Was ist ausgefallen? Die zweite lautet: Was läuft bei uns nur, weil jemand es trägt? Die Antwort steht in keinem Bericht, aber die IT-Leitung kennt sie meistens aus dem Stand. Sie wurde oft nur nie gefragt, weil die Frage nicht zum Berichtsformat passt.
Aus der Antwort folgt eine Entscheidung: die Abhängigkeit auflösen, oder sie bewusst tragen, mit Vertretung, geprüftem Vertrag und einem Termin, an dem man wieder hinsieht. Beides ist vertretbar; manche Abhängigkeiten sind den Aufwand nicht wert, den ihre Auflösung kosten würde. Nur das Nichtwissen ist schwer zu vertreten.
Eine Frage für den nächsten Statustermin
Bitten Sie um ein System, das seit einem Jahr keine Störung hatte, und um den Namen der Person, die es übernehmen würde, wenn die heutige sechs Wochen ausfiele. Die Zeit bis zur Antwort ist ein brauchbarer Hinweis darauf, in welchem der drei Zustände das System ist.
Welcher Teil Ihrer IT bekommt gerade Aufmerksamkeit, und welcher bräuchte sie?
Mathies Wähner · Interim Lead · IT-Governance & Programmstabilisierung. Neue Notizen erscheinen zuerst auf LinkedIn. Dort folgen →